Herr Kälin, was bedeutet Cradle-to-Cradle® in Bezug auf e-Recycling?

Albin Kälin: Bei elektrischen und elektronischen Geräten (Produkten) spricht man von Lebenszyklen. Am Anfang steht das Produktdesign, dann folgt die Nutzung und zum Schluss das Recycling. Viele Produkte werden heute schon ressourcenschonend konzipiert und gefertigt. Das Recycling im SENS-System geschieht nach dem neuesten Stand der Technik. Doch ein viel zu grosser Teil der Materialien kann nicht mehr in der Ausgangsqualität zurückgewonnen werden. Das heutige System schliesst somit den Materialkreislauf nicht vollständig.
Das Cradle-to-Cradle®-Konzept zeigt einen Weg, wie die Zurückgewinnung und der qualitative Erhalt von Ressourcen ermöglicht werden kann. Es wandelt einen linearen in einen zyklischen Materialfluss um.

Auf diese Weise bleibt der Wert aller Materialien in biologischen oder technischen Kreisläufen erhalten. Zudem integriert Cradle-to-Cradle® die Aspekte Wasser, erneuerbare Energien und soziale Verantwortung. Die Herausforderungen bei elektrischen und elektronischen Geräten sind besonders gross, da es komplexe Geräte sind. Projektziel der Zusammenarbeit von EPEA Switzerland mit der Stiftung SENS ist, den Cradle-to-Cradle®-Ansatz bei elektrischen und elektronischen Geräten aufzuzeigen und umzusetzen.

Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit sind zentrale Elemente im e-Recycling. Wie ist der Cradle-to-Cradle®– Ansatz in diesem Kontext zu beurteilen?

Nachdem das SENS-System die Ressourcen (ausgediente Geräte) immer effizienter sammelt und recycelt,

Schon an der Wiege (englisch: «cradle») der Produkte, bei deren Herstellung, gibt es Verluste, und die Anhäufung von Abfall und Emissionen an ihrem «Grab» sind unvermeidlich, solange die Ressourcen nach Verbrauch der Produkte nicht effektiv zurückgewonnen werden.

gehen wir mit dem Cradle-to-Cradle®-Konzept einen Schritt weiter, über die Nachhaltigkeit hinaus – wir erhöhen nun auch die Ressourceneffektivität.
Wir werden künftig nicht nur Problemstoffe aus dem Materialkreislauf entsorgen, sondern wir definieren die Produkte mit «sicherer Chemie» und nutzen die Materialien im positiven Sinne (zum Beispiel das Einsetzen von Kohlendioxid als Nährstoff).

Das Schliessen von Rohstoffkreisläufen ist für nachhaltiges e-Recycling zentral. Wie kann eine Kreislaufschliessung mit dem Cradle-to-Cradle®-Ansatz aussehen und funktionieren?

Das Ziel beim Cradle-to-Cradle®-Ansatz ist es, die Materialien in der ursprünglichen Qualität über mehrere Lebenszyklen zu erhalten. Das Design der Produkte orientiert sich an der Auswahl der Materialien, unter Berücksichtigung des Ziels, deren Qualität über mehrere Lebenszyklen zu erhalten. Die Ausgangsmaterialien werden entsprechend ausgewählt, behandelt und verarbeitet. Die Materialkosten dürften in einigen Bereichen teurer zu stehen kommen als bei herkömmlichen Produkten. Die Preissteigerungen und die verfügbare Qualität der Rohstoffe können somit für die Unternehmen sichergestellt werden.

Quelle: Geschäftsbericht Stiftung SENS 2012
Quelle: Geschäftsbericht Stiftung SENS 2012

Welche Rollen übernehmen EPEA Switzerland und die Stiftung SENS? Und welche die Partner von SENS – Hersteller, Händler, Importeure, Sammelstellen und Recycler?

→ Der Hersteller macht das Produktdesign und produziert das Gerät nach dem Cradle-to-Cradle®-Konzept. Er kennt die Gerätemengen im Markt und die dabei gebundenen Materialien. Je nach Distributionskonzept wird der Hersteller die Importeure und Händler in die Vertriebskette einbinden.

→ Die Händler und die SENS-Sammelstellen werden die ausgedienten Cradle-to-Cradle®-Produkte zusammen mit anderen Produkten zurücknehmen und an den zuständigen SENSRecycler weiterleiten.

→ Der SENS-Recycler erkennt die Cradle-to-Cradle®-Produkte (zum Beispiel durch RFID) und wird sie an den SENS-Recycler mit dem Cradle-to-Cradle®-Prozess weiterleiten.

→ Der SENS-Recycler mit dem Cradle-to-Cradle®-Prozess identifiziert das Produkt und baut es nach Angaben des Herstellers fachgerecht zurück. Die Komponenten und Materialien werden zu den weiteren Stationen weitergeleitet, wo sie entsprechend aufbereitet und zu neuen Komponenten verarbeitet werden.

→ Aus den aufbereiteten Materialien und Komponenten stellt der Hersteller ein neues Cradle-to-Cradle®-Produkt her.

Doch die Materialien werden dank des SENS-Systems wieder zurückkommen und können somit wieder aufbereitet und verwendet werden. Dieses Szenario ermöglicht es der Industrie, die eingesetzten und durch den Konsumenten bezahlten Rohstoffe wiederzuerlangen und einzusetzen.

→ Die Finanzierung der Kreislaufschliessung des Cradle-to-Cradle®-Produkts geschieht über das SENS-System. SENS nimmt die notwendigen Abgeltungen vor.

→ EPEA Switzerland wahrt als Wissenstreuhänder die vertraulichen Informationen und implementiert Cradle-to-Cradle® entlang der Wertschöpfungskette mit der Industrie.

Worin sehen Sie künftige Herausforderungen im e-Recycling, und wie kann / soll darauf reagiert werden?

Das Cradle-to-Cradle®®-Design überträgt das Prinzip «Qualität vor Quantität» auf industrielle Systeme. Materialien und Materialflüsse werden so entworfen, dass sie für die Regeneration und Erhaltung ihrer biologischen und technischen Quellen förderlich sind. Dieser Ansatz befreit von der gegenwärtigen Verpflichtung, nachteilige Umweltauswirkungen vermindern oder verlangsamen zu müssen.

So wird auch eine Loslösung aus der gegenwärtigen Kultur des Schuldbewusstseins möglich. Die Entscheidung für einen überragenden Stellenwert der Materialqualität und deren effiziente Berücksichtigung bei Herstellungsprozessen eröffnet wertvolle ökonomische Möglichkeiten.

Was tun Sie persönlich in Ihrem Alltag, um Ressourcen zu schonen?

Wie alle, versuche ich mehr schlecht als recht, im täglichen Leben Ressourcen zu schonen, doch der Weg muss über die Kreislaufschliessung gehen. Daran arbeite ich seit 20 Jahren mit vollem Einsatz.